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Achim Sauter

ROSE STACH

Rose Stach lernte, bevor sie zu ihrem Studium der Bildhauerei bei Cristina Iglesias, Pia Stadtbäumer, Michaela Melian, Rita McBride und Johannes Brunner kam, wie aus Silber funktionale Gegenstände geschmiedet werden können. Durch handwerkliches Können wird das Rohmaterial in Form gebracht, um  diesem eine Veredelung, Verfeinerung und Wertigkeit zu verleihen.

Der Bezug zum Alltag und die Veränderung unserer Wahrnehmung auf diesen blieb Rose Stach auch in ihrer bildhauerischen  Arbeit erhalten. Dabei kehrt sie aber die Funktionalitäten um. Sie nimmt alltägliche, gegenwärtige Situationen zum Anlass, um sie zu transformieren und auf das jeweils eigene emotionale Leben zu beziehen.

Rose Stach benutzt häufig Alltagsmaterialien, um mit deren herkömmlichem Sinn zu spielen und überprüft dabei die gewöhnliche Wahrnehmung auf deren Bedeutung. So bemalte sie bereits 1999 in einer Intervention im öffentlichen Raum in Villingen- Schwenningen das Straßenpflaster der Altstadt mit einem übergroßen, bewusst verzerrten Pfeil in den Signalfarben rot und weiß. Die Farben zeigen an: Achtung! Richtungswechsel! Das Piktogramm weist gewöhnlich den richtigen Weg. Folgt der Betrachter aber dem überdimensionierten Pfeil, der ihn geradezu zur Hauptattraktion der Villinger Altstadt zu führen scheint, erreicht er lediglich die Mauer eines angrenzenden Hauses. Das Ziel wird verstellt, der Weg und die Richtung bleiben ausweglos. Unsere habituierte Verhaltensweise wird enttäuscht. Neue Zugänge und Blickwinkel auf scheinbar immer schon Gegebenes werden geschaffen.

In ihren aktuellen Arbeiten knüpft Rose Stach daran an und beschäftigt sich mit Blockaden, Grenzen und Verwirrungen psychischer und sozialer Art.
Auch die Straßenmarkierungen tauchen in der Arbeit weg von hier von 2005 erneut auf. Eine Installation aus einem Bildschirm und einem davor gesetzten Spiegeltrichter lädt zu einem Ausblick der besonderen Art ein. Der darin abgespielte Film zeigt weiße Begrenzungsstreifen, welche in einer ungeordneten, irrigen und verwirrenden Abfolge die eigentlich Bedeutung der Abgrenzung eines Wegrandes ins Absurde umkehren. Gleich einem Kind, welches ohne auf Verkehrsregeln zu achten ziellos den Markierungen folgt und sich an jedem Kreuzpunkt spielerisch für eine neue Richtung entscheidet, ohne zu wissen, wo der Weg hinführen wird. Es entsteht eine bedrohliche Situation der Ausweglosigkeit. Zusätzlich gesteigert wird dieses Gefühl der Orientierungs- und Ziellosigkeit durch die kaleidoskopartige Wirkung des davor gesetzten Spiegeltrichters. Der Betrachter befindet sich in einem  Loop. So ist auch der Titel  Kafkas Erzählung „Der Aufbruch“ entlehnt: „Weg von hier, nur weg von hier, das ist mein Ziel.“.

In der Installation Neverland von 2008 werden diese Gefühlszustände pointiert dargestellt, wenn Rose Stach weiß-rote Absperrbänder mit der Aufschrift „borderline do not cross“ versieht und so im Raum verteilt, als seien sie die Überreste eines Tatorts. Aber nicht nur die Assoziation eines möglicherweise stattgefundenen Verbrechens wird durch diesen minimalen Eingriff geweckt. Die Aufschrift überträgt die real vorfindbare Grenzsituation auf eine psychische. Dies scheint die persönliche und soziale Verstörtheit einer Zeit zu spiegeln, die sich selbst im Weg steht und gleichzeitig in einer überbordenden Hektik immerzu Produktivität und Tatendrang ausspuckt. Der Titel verweist auf einen sehnsüchtigen Ausweg: Die fiktionale Insel Neverland, die als Ort und Metapher für ewige Kindheit, Ungebundenheit und damit auch Rebellion steht.

In der Rebellion, dem Aufbrechen dieser konstruierten Grenzen, den vorgegebenen Reglementierungen der ständigen Selbstbezüglichkeit entsteht eine Möglichkeit für Freiraum, Kreativität  und Veränderung. Rose Stach verbindet ihren konzeptuellen Ansatz zur Erweiterung bestehender Kontexte hin zum Fantasievollen und Spielerischen. Sie macht existentielle Bedingungen bewusst und öffnet gleichzeitig den Blick auf die Möglichkeit eines Ausbrechens aus diesen.

(Achim Sauter)

ROSE STACH

Before studying sculpture under Cristina Iglesias, Pia Stadtbäumer, Michaela Melian, Rita McBride and Johannes Brunner, Rose Stach learned how to forge functional items from silver. Through skilful craftsmanship, the raw material is moulded into form, thus refining and giving it some significance.

In her sculptural work, Rose Stach maintained the connection to everyday life and our changing perception of it. In doing so, however, she inverts functionalities. She takes everyday and current situations as an opportunity to transform them and connect them to ones own emotional life.

Rose Stach often uses everyday materials in order to play with their conventional meaning while questioning the usual perception with respect to these meanings. Accordingly, in the course of an intervention in the public area already in 1999, she painted the stone pavement of the old part of Villingen-Schwenningen depicting an oversized anamorphically distorted arrow in the signal colours red and white. The colours say: “Attention! Change of direction! The pictograph usually shows the right way. But if observers go in the direction of the oversized arrow, which seems to lead them right towards the main attraction of Villingen’s old part of town, they merely reach the wall of a bordering house. The way to the destination is blocked. There is no way out. Our habituated behaviour has been deceived. The creation of new forms of access and views on things that have seemingly always been there is the result.

In her current work, Rose Stach takes up on this and deals with both external and internal blockades, borders and irritations of a psychic and social kind.
Road markings re-appear in her work called weg von hier that she did in 2005. An installation made of a screen and a funnel of mirrors set up in front promises a perspective of a special kind. The film enacted in it shows white boundary strips inverting the actual meaning of delimiting a wayside into the absurd, in a random, erroneous and confusing order. Similar to a child aimlessly following the markings without respecting the rules of the road, playfully deciding to follow a new direction at each junction without knowing were it leads to. An unfathomable situation of hopelessness is created that appears quite threatening. This feeling of disorientation and aimlessness is intensified even more by the kaleidoscope-like effect of the funnel of mirrors in front of it. Observers find themselves in a Kafkaesque loop. Accordingly, the title is derived from Kafka’s “The Departure”: “Away from here, just away from here, only in this way can I reach my goal.”

In her installation called Neverland from 2008, these moods are pointedly depicted when Rose Stach writes “borderline do not cross” on red and white barricade tapes, spreading the tapes across the room as if they were the remains of a crime scene. However, this small intervention arouses more than just the association of a crime that might possibly have taken place here. The writing transfers this real borderline situation to a psychic level. This seems to reflect the personal and social distress of a time that is almost always standing in its way while constantly producing productivity and zest for action at an exuberantly frantic pace. The title refers to yearning for a way out: the fictitious island of Neverland, which stands for eternal childhood, freedom and consequently rebellion as a location and metaphor.

Rebellion, breaking up these construed borders, protesting against given regulations, but also constant self-reference creates opportunities for leeway, creativity and change. Rose Stach connects her conceptual approach for expanding existing contexts with fantasy and playfulness. She makes observers aware of existential requirements, coincidentally opening their eyes to the possibility of breaking out.

(Achim Sauter)