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Cornelia von Detten

Rose Stach

 

Das Interesse der Künstlerin Rose Stach richtet sich immer auch auf das Spannungsfeld zwischen Kunsthandwerk und Kunst. Eines ihrer Prinzipien ist hierbei die Verwandlung des Banalen ins Narrative. Hierbei setzt sie alltägliche Gebrauchsgegenstände in einen neuen Kontext, indem sie diese von der ihnen innewohnenden Bedeutung befreit und sie dadurch aus der Realität herauslöst. Durch künstlerische Eingriffe, wie die Technik des Cut-Out, die Übermalung, das Zerlegen und die Neu- Zusammensetzung, verändert sie spielerisch die Bedeutung der Objekte und schafft neue ungewohnte Sichtweisen. In ihren Installationen, Objekten, Videoinstallationen und Photographien spiegeln sich aktuelle gesellschaftliche Themen wieder, die auf drängende Fragen der heutigen Zeit hinweisen.

 

Eines ihrer bevorzugten Materialien ist der Teppich, entweder als industriell angefertigte Velourware oder als handgeknüpfter Orientteppich. Mit minimalen Eingriffen formt Rose Stach aus einer cremefarbenen Velourteppichrolle ein neues räumliches Gebilde. Der sich spiralförmig in den Himmel schraubende babylonische Turmbau auf der Photographie „Wallfahrtsorte I“ erinnert einerseits an das Minarett einer islamischen Moschee, von dem der Gebetsrufer fünfmal am Tag Muslime zum Gebet ruft. Der Turmbau gleicht dem Minarett von Samarra im Irak. Andererseits assoziiert der Betrachter mit derartigen Abbildungen, die in unserer Gesellschaft geführten Debatten über religiöse Toleranz, Diskriminierung Andersgläubiger, gleichzeitig aber auch die Angst vor terroristischen Foren im Internet.

Eine weitere Arbeit, die Rose Stach photographisch festgehalten hat, trägt den Namen „Wallfahrtsorte II“. Vor einem steilen Treppenaufgang mit blauem Himmelsblick breitet sich ein orientalischer Gebetsteppich aus, der wie ein Mantel eine stehende Figur umkleidet. Der senkrecht aufgebaute Teppich erinnert an einen in ein Priestergewand gehüllten Gläubigen, der die steilen Treppen erklimmen muss, um Abbitte zu leisten. In Bezug auf die Titel der Arbeiten ist zu vergegenwärtigen, dass ein Wallfahrtsort, ein Ort mit hervorgehobener religiöser Bedeutung ist, dessen Besuch eine besondere Heilkraft zugesprochen wird, wie z.B. die Linderung oder die Erlösung von Krankheiten. Wurden in früheren Zeiten Kirchen und heilige Stätten von den Menschen als Wallfahrtsorte aufgesucht, so sind sie nun mehr leer und verwaist. Statt dessen ist heute das gesellschaftliche Phänomen allerorten zu beobachten, dass die Menschen in Massen in Ausstellungen, in die Museen und in kulturhistorisch bedeutende Stätten pilgern oder auch Shoppingcenter aufsuchen.  Dies Phänomen aufgreifend handelt es sich bei der hier abgebildeten Treppe um den Aufgang zu den „heiligen“ Ausstellungshallen der Alten Pinakothek in München. Die Wahl des bedeutungsvollen Titels „Wallfahrtsort“ soll dabei dem Betrachter bewusst machen, dass das dargestellte Museum mit ideologischen und spirituellen Inhalten aufgeladen ist.

Normalerweise ist uns der „Teppich“ bekannt als ein Objekt des Alltags, des Dekors und der Repräsentation, der insbesondere funktionale Bedeutungen wie Geräuschdämmung und Schmutzresistenz besitzt. Durch künstlerische Eingriffe löst die Künstlerin die althergebrachten konventionellen Bedeutungen auf und stellt das Alltagsobjekt in neue bedeutungsvolle religiös aufgeladene Zusammenhänge.

 

Die Arbeit „Wohnlandschaft“ zeigte Rose Stach 1999 bei der Großen Kunstausstellung im Haus der Kunst in München. Boden und Wand, ein zentrales Sofa und ein sich darüber befindliches Rechteck eines Bildes sind von nur einem einzigen flachen grauen Velourteppich geformt und durch geschickte Schnitte und Faltungen entstanden. Handwerkliche Präzision, Reduktion sowie das kühle Material geben einer behaglichen Stimmung keine Chance. Die Wohnlandschaft wirkt fabrikneu, steril und unpersönlich. Skurril ist die einheitliche Behandlung des Motivs „der Keimzelle einer Wohnkultur“ durch die gleichförmige Wahl des alles überziehenden Ornaments. Mit Hilfe von Sprühtechnik und Schablone hat Rose Stach ein Blattwerk roter Zimmerpflanzen auf die einfarbige Auslegware gemalt. Abgebildet sind die exotischen Blüten der Anthurie, die Kraft und Lebensfreude symbolisiert. Die äußere Form des herzförmigen roten Blütenblattes und der phallische Stängel wirken dabei sexuell aufgeladen. Die von Blumenranken umschlungene Wohnlandschaft, bestehend aus Sofa und Großbildschirm, lässt dabei beim Betrachter des häuslichen Wohnkomforts einen unangenehmen Beigeschmack entstehen. Mit wirkungsvollen Mitteln schafft es die Künstlerin die Fassade der Privatsphäre subtil zu hinterfragen.

Rose Stach’s künstlerische Vorgehensweise und Arbeitsmethode ist exemplarisch an der Arbeit „Lüften, lütfen“ ablesbar. In einem Zimmerraum hat Rose Stach aus einem PVC-Fußbodenbelag mit Eiche Maserung und Fischgräte Muster fein säuberlich die Form eines Orientteppichs mit Teppichfransen herausgeschnitten. Anschließend hängte sie das ausgeschnittene Stück PVC Belag, mit dem Titel „Lüften, lütfen“, über ein Geländer. Bereits der Titel, ein Wortspiel aus einem deutschen und einem türkischen Wort, lässt Assoziationen zu, dass der Teppich vom Dreck und Mief des Alltags befreit werden muss, indem er an der frischen Luft mit dem Teppichklopfer bearbeitet wird.

Der ausgeschnittene Teppich hinterlässt auf dem PVC eine freigelegte Leerstelle, die Steinplatten zum Vorschein bringt. Durch diesen künstlerischen Eingriff befreite die Künstlerin den Bodenbelag zudem von seiner funktionalen Bestimmung und erhebt die Arbeit zum poetischen Bild. Der Teppich transformiert zu einer Landschaft mit Lebensspuren und zeigt Kennzeichen einer individuellen Geschichte. Der Betrachter ist dabei aufgefordert, eine Art Archäologie des Alltagsraumes zu betreiben, indem er Spuren der Abnutzung – Licht-, Druck- und Schmutzzeichen – auf dem Teppich wahrnimmt und einzuordnen versucht.

 

Aber nicht nur durch die Technik des Cut-out, sondern auch durch das Offenlegen und zur Schau stellen von Gebrauchsspuren auf einem Velourteppich enthüllt die Künstlerin Einblicke in menschliche Wohnsituationen. Auf der Photoskizze von „Norman’s Apartement“ sind Abdrücke von Möbelstücken, Teppichen und Wasserringe von Gefäßen erkennbar, denen der Betrachter, quasi wie ein Archäologe auf die Spur, kommen will.

Die dokumentarische Photoskizze der Abdrücke auf dem Velourteppich gleichen Luftbildaufnahmen antiker Stätten. Sie werden zur Schau gestellt wie archäologische Funde, die Forscher motivieren wissenschaftliche Thesen abzuleiten. Wie ein Spurensicherer visualisiert Rose Stach verborgene und vergessene Zusammenhänge, indem sie den Zeichen gelebten Lebens nachspürt.

 

Auf einer beigefarbenen Velourteppichrolle mit dem Namen „Perser“  hat Rose Stach mit der Nagelschere das äußere Format eines Perserteppichs mit Fransen und sein arabeskes Ornament hineingeschnitten. Reduziert zum Zitat und zur Definition des Begriffs „Perserteppich“ wird das Bild von schwerem Gewebe heraufbeschwört, welches für nützliche und symbolische Zwecke hergestellt wird. Ebenso evoziert es das Bild von der besonderen Vielfalt und künstlerischen Qualität seiner Farben und Muster.

Faktisch handelt es sich hier um die exakte Kopie des Ornaments eines Teppichs im Familienbesitz der Künstlerin. Rose Stach hat ihre Kindheitserinnerungen, die mit diesem Teppich verknüpft sind, in minutiöser zeitintensiver Arbeit Gestalt verliehen. Charakteristisch ist, dass dieser Arbeit ein meditativer Herstellungsprozess anhaftet.

 

Auch die Arbeit „Suddenly I saw strange ornaments on the floor“ zeigt reliefartige Spuren von Autoreifenabdrücken auf grauem Velourteppich. Diese mit der Nagelschere in den Velours geschnittenen Abdrücke imitieren Gebrauchsspuren des Alltags, die in irritierender Weise in einem neuen Kontext gezeigt werden. Die Reifenspuren erscheinen dabei nicht im Außenraum, sondern auf einem häuslichen Objekt, auf der Auslegware des Wohnzimmers. Das Verdrehen der Zusammenhänge hat Methode bei Rose Stach. Es ist ein beliebter Kunstgriff, den Betrachter zu neuen Sichtweisen zu zwingen und sein Bewusstsein für den Umgang mit alltäglichen Dingen zu schärfen.

 

Die eindrucksstarke Werkgruppe der großformatigen „War Carpets“ zeigt auf orientalischen Teppichen mit arabesken Mustern martialische Motive wie Bomber, Helikopter, Panzer und Handfeuerwaffen. Indem die Künstlerin auf die großen Teppiche mit schwarzer Farbe eine Negativschablone legt, stechen die kriegerischen Motive irritierend bunt und dekorativ hervor. Die spezifische Wirkung dieser Arbeiten wird durch den Kontrast der Motive zum gewählten Bildgrund des Orientteppichs erreicht. Signalisieren die Waffenmotive auf der einen Seite rohe Gewalt, so steht der Orientteppich auf der anderen Seite für den geschützten privaten Raum familiärer Wärme und Geborgenheit. Die textilen Arbeiten bergen aber auch Anknüpfungspunkte zur Genderthematik. So wird das Weben und Knüpfen von Teppichen meist mit weiblicher heimischer Handarbeit assoziiert. Demgegenüber stehen männlich besetzte Motive wie Bomber und Raketen in phallischen aggressiven Formen.

Mit den „War Carpets“   assoziiert der Betrachter unweigerlich Kriegssituationen im Nahen und Mittleren Osten. Die medialen Bilder von zerbombten Städten, ihrer Wohnhäuser, Schulen und Krankenhäuser drängen sich dem Betrachter auf.  Bilder drängen ins Bewusstsein, die bezeugen, dass hier ein normales Leben für Menschen unmöglich wurde und nur die Flucht als einziges Mittel zum Überleben blieb. Der Künstlerin gelingt es mit ihren Werken auf verstörende Weise immer wieder die tödliche Logik des Krieges zu visualisieren.

 

Die Videoinstallation „Resistance“ von 2013 knüpft inhaltlich unmittelbar an die „War Carpets“ an. Sie besteht aus einem gemütlichen gepolsterten Sessel und einem an der Wand aufgehängten Orientteppich auf dem das Video gewalttätiger Demonstrationen projiziert wird. Der Teppich selbst hat das Format eines Breitwandfernsehers.  Es sind Aufnahmen von den Auseinandersetzungen im Istanbuler Gezi-Park, zu Stuttgart 21 und zu Gorleben (Atommülllager), die Rose Stach zusammengeschnitten hat. Aggressive Geräusche, wie das Versprühen von Wasser durch Wasserwerfer oder Reizgas/Tränengasspray, Schritte und Schlagstöcke vertonen die Bilder des Aufruhrs. Stimmen von Menschen hört man nicht. Bedrohliche Bilder gepaart mit aggressiven Geräuschen bewegen sich auf dem Hintergrund orientalischer Teppichmuster in privater Heimeligkeit. Indem die dokumentarischen Bilder von Arabesken des Teppichmusters überdeckt und überlagert werden, erkennen und dechiffrieren wir die Zusammenhänge erst langsam und das Ausmaß der Gewalt offenbart sich nur in kleinen Schritten. Die Installation von Rose Stach hält dem Betrachter den Spiegel eines sich täglich wiederholenden Schauspiels vor Augen. Pausenlos sind wir einer medialen Bilderflut über die Krisenschauplätze dieser Welt ausgesetzt, die wir im häuslichen angenehmen Ambiente emotionslos und passiv wahrnehmen und im nächsten Atemzug schon wieder vergessen.

Eine der jüngsten Videoinstallationen „Dia-Abend“ zeigt einen über eine Schneiderpuppe gestülpten schwarzen Kapuzenpullover auf dessen Rückseite mit einem Beamer Urlaubsfotos projiziert werden. Das rhythmische Klacken des Diaprojektors begleitet den Wechsel der Diaphotos. Ein Dia-Abend verspricht Gemütlichkeit und Häuslichkeit, fröhliche Stunden im Kreis von Freunden. Bei einem Glas Wein werden die Erlebnisse der letzten Reise goutiert.

Auf den Fotos sind klassische Urlaubsszenen sichtbar. So sind Menschen in Bikini und Badehose an Stränden, Promenaden und Cafés erkennbar, aber auch jene zahlreichen Migranten, die an den Orten touristischen Vergnügens zur Finanzierung ihres Lebensunterhaltes gefälschte Produkte, wie Sonnenbrillen, Handtaschen etc. anbieten. Die Projektionsfläche selbst ist einer dieser typischen Kapuzenpullover, die gerne von Migranten getragen wird. Wiederum gelingt es der Künstlerin Wahrnehmungsmuster und Erwartungshaltungen aufzubrechen. Die durch Fotographien geweckten Erinnerungen von glücklich verbrachten Ferientage brechen auf. Unübersehbar werden die Schattenseiten. Die Bilder von den Schicksalen der Flüchtlinge, die in kleinen Booten die Reise von Afrika über das Meer zum vermeintlichen Paradies Europa angetreten sind, treten ins kollektive Bewusstsein. Die Realitäten der Flüchtlingsbewegung und deren gesellschaftspolitischen Probleme sind auch im Urlaub nicht mehr auszublenden.

 

Dem textilen Kunstwerk eines grau gewebten Handtuches mit dem wiederkehrenden Motiv einer Zahlenfolge gibt Rose Stach den Titel „Ich wasche meine Hände in Unschuld“ (2014). Die Wirkung auf den Betrachter ist verstörend. Das Handtuch erinnert mit seiner grauen Farbe an das Aussehen der KZ-Kleidung und die Farbe der Zahlenfolgen suggeriert eine Mischung aus Tinte und Blut. Diese in violettem Ton (nach einem seriellen Muster) auf dem Handtuch angeordneten Zahlen, sind die stark vergrößerten Nummern, die im Konzentrationslager Auschwitz seit 1942 den jüdischen Häftlingen auf den Unterarm tätowiert wurden. Die Nummerierung der Häftlinge im Konzentrationslager und ihre Markierung in Form einer Tätowierung sind  Ausdruck eines Verwaltungsaktes von degradierender Inhumanität.

Der Titel der Arbeit „Ich wasche meine Hände in Unschuld“ entspricht einer Redewendung aus dem Alten Testament. Sie steht für ein Unschuldsbekenntnis. Dem gegenwärtig allerorten erkennbaren Vergessen, Verdrängen und Verleugnen deutscher Geschichte stellt Rose Stach ihre Arbeit entgegen. Mit einfachen Mitteln bewirkt sie in eindrücklicher Weise, dass sich mit den Verbrechen des Holocaust auseinandergesetzt wird  und dass sich der Verantwortung nicht entzogen wird.

 

 

In der GABRIELE MÜNTER PREIS-Ausstellung im März 2017 in der Akademie der Künste in Berlin und anschließend im Mai 2017 im Bonner Frauenmuseum sind Werke von Rose Stach gemeinsam mit 19 weiteren Künstlerinnen zu sehen. Zusammen mit Adidal Abou-Chamat und Jutta Burkhardt stellt sie ihre Werke ab dem 8.12.2017 in der Städtischen Galerie Rosenheim aus.

 

Dr. Cornelia von Detten

 

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