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Karl Borromäus Murr

Textauszug aus dem Ausstellungskatalog  KUNST | STOFF, erschienen im Hirmer Verlag, München, 2015

 
Der Kunst von Rose Stach eignet häufig eine politische Dimension. Das gilt auch für ihre Werkgruppe der „War Carpets“, die auf dem ungewöhnlichen Medium von Orientteppichen martialische Motive wie Panzer, Helikopter, Bomber, Geschütze oder auch Handfeuerwaffen darstellen. Mittels einer ebenso einfachen wie wirkungsvollen Technik legt die Künstlerin mit schwarzer Farbe eine Negativschablone über die Orientteppiche, so dass sich die kriegerischen Bildgegenstände gleichsam positiv herausschälen. Solchermaßen komponiert, leben die „War Carpets“ von dem plakativen farblichen Kontrast, der sich zwischen dem schwarzen Hintergrund und dem die Motive oft dominierenden Rot der Teppiche ergibt. Der erstaunliche ästhetische Effekt rührt jedoch vor allem von den ursprünglichen Teppichmustern her, arabesken Ornamenten, die die Motive auf eigentümliche Weise ausfüllen, prägen, vitalisieren.

Künstlerisch beziehen die „War Carpets“ ihren spezifischen Charakter aus der Spannung, die zwischen den als Bildgrund benutzten Orientteppichen und den gewählten Bildmotiven entsteht. Verweisen die Orientteppiche auf den geschützten Raum des Privaten, auf den behüteten Ort familiärer Wärme oder auch auf den feierlich-zeremoniellen Innenraum eines Gebetshauses – allesamt Orte, die dem Schmutz des geschäftigen Alltags entzogen sind –, so signalisieren die von Stach herausgearbeiteten Waffenmotive unverhohlene Gewalt, wie sie – brutal und kalt – in schmutzigen Szenarien von eskalierenden Konflikten, zynischen Terroranschlägen oder asymmetrischer Kriegsführung vorherrscht. Unweigerlich evozieren die Orientteppiche die aktuellen Krisenherde des Nahen und Mittleren Ostens. Indem Stach nicht den Kampf selbst oder dessen Auswirkungen zeigt, sondern nur dessen willfährige Instrumente, bleibt es der Einbildungskraft des Betrachters vorbehalten, seine Phantasie walten zu lassen. Martialische Gewalttätigkeit in unverdächtig-ornamentale Muster zu kleiden, bringt mitnichten eine Verharmlosung des Krieges zum Ausdruck, sondern deutet eher auf dessen unaufhaltsames Eindringen in die geschützte Bastion des Privatlebens, dem es nicht mehr gelingt, die Barbarei öffentlich sanktionierter Grausamkeit von sich fernzuhalten.

Jedenfalls zeugen die „War Carpets“ von der unentwegten medialen Penetrierung unseres Alltags mit Schreckensnachrichten. Stach verlegt den wahren „Battleground“ – so der Titel eines der „War Carpets“ – in unsere Wohnzimmer, aus deren Sicherheit heraus nur noch naive Geister an einen gerechten Krieg glauben mögen. Der Widerspruch von aggressivem Außenraum und behütetem Innenraum mag auch eine Gender-Dimension widerspiegeln, die meist phallisch anmutenden Waffen bilden einen männlichen Gegensatz zu den eher häuslich-weiblich konnotierten Teppichen, die zuallermeist auch von Frauen geknüpft oder gewebt werden.

Wer sich allerdings zu dem unbedarften Schluss verleiten lässt, die Gewalt im Nahen und Mittleren Osten folge einem wiederkehrenden „orientalischen“ Muster, wird alsbald auf den eigenen eurozentristischen Standpunkt zurückgeworfen. Edward Said hat 1978 erstmals die diskursiven Strukturen eines durch und durch westlichen Orientalismus‘ aufgezeigt. Aus einem Gefühl der Überlegenheit heraus reproduziere diese Geisteshaltung den Kolonialismus lediglich auf kultureller Ebene – heute vielleicht, um geopolitische Interessen zu bemänteln, die sich darüber hinaus mit Waffen aus Deutschland verteidigen lassen. Die Orientmuster verweisen von daher eher auf okzidentale Wahrnehmungsmuster denn auf reale Strukturen des Nahen oder Mittleren Ostens.

Die „War Carpets“ von Rose Stach machen mit ihrer so arabesken Musterung auf verstörende Art und Weise auf diesen Zusammenhang aufmerksam. Allein schon der bedrohlich schwarze Bildhintergrund scheint dem so behaglichen Alltagsgegenstand eines orientalischen Teppichs jede Unschuld zu nehmen, zumal er die Schablone bildet für eine tödliche Logik des Krieges – eine Spirale der Gewalt, bei der es müßig ist danach zu fragen, wer denn den ersten Stein geworfen hat.

Auch mit „Ich wasche meine Hände in Unschuld“ wendet Stach einen Alltagsgegenstand, ein schlichtes Handtuch, in ein Kunstwerk. Das in Grau gewebte Textil trägt ein wiederkehrendes grobes Muster, das sich aus Zahlen bildet. Diese in einem Violett gehaltenen Zahlen stellen nichts anderes dar als stark vergrößerte Nummern, wie sie im Konzentrationslager Auschwitz seit 1942 zur Kennzeichnung vor allem den jüdischen Häftlingen auf deren Unterarme tätowiert worden sind. Allein die bloß numerische Kennzeichnung, die den KZ-Häftlingen mit ihrem Namen ihre Individualität und Würde raubte, bedeutete eine ungemeine Degradierung des Menschen zu rein administrativen Nummern. Das Konzentrationslager bewies demnach schon in den Verwaltungsakten seine erniedrigende Inhumanität. Die Nummerierung der Häftlinge jedoch als Tätowierung auszuführen, die unweigerlich an die Markierung von zur Schlachtung bestimmten Tieren erinnert, schrieb diese inhumane Degradierung unauslöschlich auf die Körper der Deportierten ein, dieser „Homines Sacri“ (Giorgio Agamben), die dadurch zu nacktem, biologischem Material entwürdigt wurden.

Das beispiellose Verbrechen des Holocaust erfährt allerdings in seiner bis in die Gegenwart immer wieder feststellbaren Verdrängung oder gar Verleugnung eine zynische Steigerung. Sich der erinnernden Verantwortung für den Holocaust zu stellen, bedeutet bis heute eine besondere deutsche Herausforderung, der sich nach wie vor viele Menschen allzu leicht entziehen. Dieser Anspruch betrifft jedoch nicht nur das Individuum, sondern auch die Kultur, die immer neue ästhetische Mittel bereitzustellen hat, um an die Shoah in einer Weise zu erinnern, die nicht in die Extreme des absoluten Vergessens einerseits und der „Epidemie des Gedenkens“ (Y. Michal Bodemann) andererseits verfällt. Die „Anamnese des Undarstellbaren“ (Georg Christoph Tholen) bedeutet für das kollektive Gedächtnis eine nie endende Aufgabe.

Stachs Handtuch, das mit seiner grauen Grundfarbe auf das Aussehen von KZ-Kleidung verweist und das mit dem Violett der Nummern die Mischung von Blut und Tinte suggeriert, offeriert mit dem Zitat der berühmten Pilatus-Worte eine scheinbar einfache Lösung: dass der Mensch seine Schuld schlichtweg abwaschen – und damit ungeschehen und vergessen machen – kann. Stach stellt der „Unschuld-Seife“ von Ottmar Hörl gleichsam das passende Handtuch zur Seite – nur dass derjenige, der sich seine Hände mit Verbrechen, Verleugnung oder Vergessen schmutzig gemacht hat, sich in der symbolischen Reinigung neuerlich befleckt – mit dem Blut seiner Opfer, das sich nicht mehr aus dem Handtuch entfernen lässt. Selbst wenn das Wasser den moralischen Unrat rituell davonspülen mag, kehrt dieser beim so alltäglichen Vorgang des Abtrocknens wieder – nämlich als Wiedergänger verdrängter Erinnerung: als unheimlicher Bote im häuslichen Heim.

In der Arbeit „Willkommen daheim“ greift Stach das Thema Flüchtlinge in Deutschland respektive in Europa auf. Dazu hat sie einen fiktiven Immobilienflyer entworfen, der mit moralisch hoch aufgeladener Rhetorik für den Kauf von Eigenheimen wirbt. Aber gelten die dort so gepriesenen Werte auch für den Umgang mit Flüchtlingen, die doch partout von der abgeschotteten „Festung Europa“ ferngehalten werden? In einer geschickten Montage kontrastiert die Künstlerin die heile Welt der Immobilienwerbung mit dem Elend der Flüchtlinge, die wider Erwarten vor der Haustür eines modernen westlichen Wohnquartiers ankommen bzw. anlanden. Wer die humanitäre Krise der weltweiten Flüchtlingsströme vorschnell aus seinem Gedächtnis verdrängen will, den zwingt Stach hinzuschauen: auf den inneren Zusammenhang von Armut der Entwicklungsländer und Reichtum der westlichen Welt – ein ebenso sachlicher wie ethischer Konnex, von dem man sich allenfalls auf zynische Weise distanzieren kann.

 

KUNST | STOFF, Ausstellungskatalog, Hg. Karl Borromäus Murr, Hirmer Verlag, 2015, ISBN-10: 3777424579, ISBN-13: 978-3777424576

© Dr. Karl Borromäus Murr, Leiter des Staatlichen Textil- und Industriemuseums Augsburg