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Simone Kimmel

Rose Stach_UnderCover_Katalog

 

 

 


ROSE STACH UnderCover

Deutsch / Englisch
2014

Mit Texten von Bernhart Schwenk, Johannes Wieninger,
Simone Kimmel und Anna Kania Saj
72 Seiten/pages, 50 Abbildungen/illustrations
Hardcover, 21 x 28 cm,
EUR 18

Ästhetische und inhaltliche Mehrschichtigkeit im Werk Rose Stachs

Wie romantische Landschaftsbilder wirken Rose Stachs Arbeiten, auf denen Wolkengebilde Assoziationen an die Brandung des Meeres wecken oder an einen stimmungsvollen Abendhimmel denken lassen. Erst der kognitive Zugang zu der Serie der „Clouds“, das Wissen um ihren Entstehungsprozess entmystifiziert die poetischen Bilder und offenbart die Grausamkeit, die die vermeintlichen Landschaftsdarstellungen in sich bergen. Rose Stach greift für ihre „Clouds“ auf Fotos aus dem Internet zurück, auf denen Rauchwolken zu sehen sind, die beim Abschuss von Waffen entstehen. Im Gegensatz zu den „War Carpets“, die durch den künstlerischen Eingriff Waffen erst sichtbar machen, wird das Kriegsgerät hier verdeckt. Die Künstlerin löscht durch die Übermalung der Fotos die medial vermittelte Wirklichkeit weitestgehend aus und eröffnet dem Betrachter eine neue Wahrnehmungsebene.

Der Aspekt des Überdeckens und Überlagerns findet sich in der Installation „Resistance“ wieder. Auf einen orientalischen Teppich wird hier das Video einer Demonstration projiziert; zeitweise sind bedrohliche Geräusche von Schritten oder Schlagstöcken zu hören. Textiles Gewebe verbindet sich mit medialer Technik, die private Heimeligkeit des Teppichs verknüpft sich mit der Gefahr einer öffentlichen Ausschreitung. Ähnlich wie bei einem Kippbild nehmen wir in einem Moment das ornamentale Teppichmuster wahr, um im nächsten Augenblick wieder das verstörende Geschehen der Videoprojektion zu fokussieren.

In einigen raumgreifenden Installationen beschäftigt sich Rose Stach mit dem Thema der Blockade, mit Situationen des Wartens und der Ausweglosigkeit. Ihre Arbeit „Neverland“ besteht aus zusammengeknüllten rot-weißen Absperrbändern mit dem Aufdruck „borderline do not cross“. Der Grund für eine Absperrung ist nicht ersichtlich und auch bei „SchutzWall“ gibt die Künstlerin keine Anhaltspunkte für die Notwendigkeit der aufeinander gestapelten Plastiksäcke. Obgleich der mediale Bezug bei beiden Arbeiten fehlt, verbinden wir die Kunstobjekte mit Inhalten unseres medialen Gedächtnisses. Wir denken an Orte des Verbrechens, an Straßensperren, vielleicht auch an Überflutungen – an Grenzen und Grenzüberschreitungen unterschiedlicher Art.

Bei „Deadlock“ wird ein banaler Koffer, auf den ein Ausschnitt der Anzeigentafel des Flughafens Frankfurt vom 11. September 2001 projiziert wird, nicht nur zum Sinnbild des Wartens, sondern gleichermaßen zur Metapher für Verlust und räumliche, aber auch emotionale Ausweglosigkeit.

Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, insbesondere mit der jüdischen Geschichte ist ein zentrales Moment im Werk Rose Stachs. Wie bei „Deadlock“ auch, bezieht sie sich mit „Ich wasche meine Hände in Unschuld“ und „Choices“ auf ein kollektives Gedächtnis, das unsere Wahrnehmung maßgeblich prägt. Ein banales Handtuch, auf dem eintätowierte Nummern von KZ-Häftlingen eingewebt sind, wird zu einem bedeutungsvollen Symbol für ein furchtbares historisches Ereignis. „Choices“ zeigt in einer kurzen Filmsequenz die dokumentarische Aufzeichnung der Deportation jüdischer Personen. Der Fokus liegt auf dem Öffnen und Schließen der Türen. Die Geräusche des Zuges, das Zudonnern der Schiebetüren und das Zischen des Dampfes verstärken die Unerträglichkeit der Situation. Mit dem Titel der Arbeit verweist die Künstlerin auf die Wahlmöglichkeiten, die all unserem Handeln zugrunde liegen, auf unsere Entscheidung, eine Tür zu öffnen, oder sie zu schließen.

Mit ihrer persönlichen Vergangenheit setzt sich Rose Stach in der Arbeit „Far away so near“ auseinander. Zu sehen ist ein verschwommenes Porträt ihres Großvaters, etwas weiter im Hintergrund befindet sich ein deutlich kleineres Foto der Künstlerin. Beide Personen sehen in dieselbe Richtung, scheinen auf Ereignisse in der Vergangenheit zu blicken. Kaum wahrnehmbar schiebt sich von unten erneut der Kopf Rose Stachs ins Bild und führt die Blickrichtung kreislaufartig in die Gegenwart zurück. Den Hintergrund bildet eine Tapete mit dem Muster jenes Teppichs, der sich auf der Couch Sigmund Freuds befand. Verschiedene Zeiten und Wahrnehmungen überlagern sich in dieser visionenhaften Arbeit. Trotz ihrer jeweils individuellen Geschichte sind Großvater und Enkelin emotional miteinander verbunden, etwa durch Erlebnisse des Großvaters, die auf dieser Ebene an die Enkeltochter weitergegeben werden können. Der Zugang zu diesen emotionalen Erlebnissen bleibt meist unscharf oder versperrt; auch die Stirnlampe auf dem Kopf der Künstlerin kann nur bedingt Licht in die Vergangenheit bringen.

Erinnerung und Verlust spielen auch in der Arbeit „Shadows“ eine wesentliche Rolle. Rose Stach betreibt eine Art Spurensicherung, indem sie Details der Innenräume einer verlassenen Villa fotografiert. Für die Installation im Außenraum werden diese Fotos gleich alltäglichen Such-Steckbriefen mit Abrisszetteln versehen und an einem Laternenpfahl befestigt. Anstelle einer Telefonnummer stehen auf den Abrissstreifen Wörter, die u.a. um das Thema Vergänglichkeit und Verlust kreisen. Aber auch jiddische Begriffe wie „meschugge“, „Tinnef“ oder „Mischpoke“ sind auf den Zetteln zu lesen. Mit dem Konzept des Abreißens setzt Rose Stach dem Verlust dieser Begriffe eine Verbreitung entgegen – entlehnt aus dem Alltag wird das Kunstwerk wieder zurückgeführt in den Alltag.

Simone Kimmel, Kunsthistorikerin

 

The Multi-Layered Aesthetics and Content of Rose Stach’s Artwork

Rose Stach’s works resemble images of romantic landscapes, on which cloud formations provoke associations of crashing waves or are reminiscent of an atmospheric evening sky. It is only with cognitive access to the ‘Clouds’ series and knowledge of their creation process that the poetic images are demystified, revealing the gruesomeness that is hidden within the would-be landscapes. For her ‘Clouds’ Rose Stach uses photographs from the internet depicting the smoke clouds that occur when weapons are fired. Unlike her ‘War Carpets’, in which the weapons are made visible by the artist’s intervention, the military equipment in these photographs is masked. The artist paints over the snapshots in order to obliterate as far as possible reality as conveyed by the media, and open up new levels of perception to the viewer.

The aspect of masking and layering is echoed in the installation ‘Resistance’. On an oriental carpet the video of a demonstration is projected; at times menacing sounds of boots or truncheons can be heard. Textiles are combined with medial technology, the private homeliness of the carpet combines with the danger of a public riot. Similar to a tilted image, at one moment we are aware of the ornamental pattern on the carpet, only to focus a moment later on the troubling events in the video projection.

In some spatial installations Rose Stach deals with the issue of barricades, with instances of waiting and impasse situations. Her work ‘Neverland’ consists of crumpled red-and-white barrier tapes with the inscription ‘borderline do not cross’. The reason for the barricade is not clear, and even in ‘SchutzWall’ (‘Protective Wall’) the artist gives no clues as to what necessitates the plastic bags that are piled on top of each other. Although the medial reference is lacking in both works, we associate the art objects with content from our own medial memory. We think of crime scenes, street barricades, maybe even flooding – of limits and various ways of them being exceeded.

In ‘Deadlock’ we see an ordinary suitcase with a cut-out projected onto it of the departures board at Frankfurt Airport on 11 September 2001, the case not only being a symbol of waiting but equally a metaphor for loss and a sense of hopelessness, not only of a structural nature but also emotional.

Dealing with the past, especially with Jewish history, is an issue central to Rose Stach’s work. Just as with ‘Deadlock’, with ‘I wash my hands in innocence’ and ‘Choices’ she refers to a collective memory that shapes our perception. A banal towel with the tattooed numbers of prisoners in concentration camps woven into it becomes a meaningful symbol for a terrible event in history. ‘Choices’ is a documentary showing the deportation of Jewish people in a short film sequence. The film focusses upon the opening and closing of doors. The sounds of the train, of the train’s sliding doors being slammed shut and the hissing of steam all intensify the unbearable nature of this situation. The artist uses the work’s title to refer to the options that are available to us; the options on which all of our actions are based. She is referring to our decision to open a door or to close it.

In the work ‘Far away so near’ Rose Stach looks at her own past. We see a blurred portrait of her grandfather; in the background there is a considerably smaller photograph of the artist. Both people are looking in the same direction; they appear to be looking at past events. Barely noticeable, Rose Stach’s head once again enters the picture from below and guides our glance cyclically back toward the past. The background is formed by wallpaper with the pattern of the carpet that lay on Sigmund Freud’s couch. Numerous periods and perceptions are layered upon each other in this visual piece. Despite their personal histories, both the grandfather and the granddaughter share an emotional bond stemming from the grandfather’s experiences, which on this level can be passed on to his granddaughter. Access to these emotional events remains largely blurred or hindered; even the headlamp worn on the artist’s forehead can only shed so much light on the past.

Memory and loss also play a crucial role in ‘Shadows’, in which Rose Stach photographs the interior of an abandoned villa in pursuit of evidence. For this outdoor installation the photographs are lined with tear-off paper strips, rather like lost-and-found notices, and then attached to lampposts. Instead of a telephone number the strips feature words that centre on the theme of transience and loss. Yiddish terms such as meschugge, tinnef or mischpoke can also be read on the strips. Rose Stach uses the idea of the tear-off strips to defy the loss of these terms with the notion of passing on and spreading information. Having been borrowed from everyday life, the artwork is thus returned to everyday life.

 Simone Kimmel, Art Historian